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Frau Johanna Quandt

 

Nachruf auf Johanna Quandt : Die schweigsame Magnatin (aus dem Archiv des

Deutschlandfunks )

Die BMW-Erbin Johanna Quandt galt als eine der reichsten Frauen Deutschlands. 1960 hatte die aus Berlin stammende Bürokauffrau mit Namen Johanna Bruhn den Industriellen Herbert Quandt geheiratet, den sie am Arbeitsplatz kennengelernt hatte. Nach seinem Tod 1982 erbte Johanna Quandt das Milliarden-Imperium der Familie, zu dem neben BMW auch zahlreiche weitere Unternehmen unter anderem der Chemie- und Pharmabranche gehörten. Johanna Quandt zog sich Ende der 1990er-Jahre aus dem operativen Firmengeschäft zurück und lebte zurückgezogen in Bad Homburg bei Frankfurt:

Wir leben völlig normal. Wie viele andere Familien auch. Natürlich mit viel Verantwortung dahinter, es wird viel gearbeitet. Und ich glaube, es hat sich auch bewährt, dass wir in der Vergangenheit immer versucht haben, uns zurückzuziehen und nicht jeden Tag in den Schlagzeilen oder im Rampenlicht zu stehen, wenn das auch nicht immer heutzutage ganz einfach ist.

 

Mein persönlicher Beitrag zu Frau Johanna Quandt

 

Ich hatte das Glück, Frau Quandt 2004 persönlich in Frankfurt kennen zu lernen zum ersten mal und dann traf ich sie noch einmal 2009 in einer ganz anderen Situation – eigentlich gerade in der gegenteiligen Situation wie 2004. Gerade dieser große Unterschied von 2004 zu 2009 macht für mich diese Frau unvergessen und entzündet einen sehr großen Respekt vor dieser Frau, dies sei vorab schon einmal angemerkt.

 2012 bin ich zu meiner Lebensgefährtin in den Schwarzwald gezogen, fernab von dem lebendigen Frankfurt was ich so zu lieben gelernt hatte, deswegen werde ich im Herzen auch immer ein Frankfurter bleiben.

 Am 13. August 2015 erfuhr ich am Radio, dass Frau Johanna Quandt an diesem Tag verstarb. Das hatte mich persönlich sehr getroffen und ging mir sehr nahe.

Hatte ich diese Dame doch persönlich kennengelernt und mit ihr eingekauft. Wie es dazu kam :

Damals war ich kurz ende September in Frankfurt gelandet und als nicht Frankfurter war es nicht möglich einen Wohnberechtigungsschein zu bekommen, geschweige eine günstige Wohnung zu finden. Mir blieb damals nichts anderes übrig, als unter der Brücke, auf dem Friedhof oder Parkbank zu schlafen. Es war mit Abstand die schlimmste Zeit in meinem Leben. Essen und Duschen konnte ich in Obdachloseneinrichtungen, das war alles gesichert – doch es war schon Ende September und es wurde vor allem nachts sehr kühl.

So besorgte ich mir in einer Obdachloseneinrichtung einen vernünftigen Schlafsack, dort konnte ich auch meine Habseligkeiten in einem Gepäckfach abschließen, damit ich nicht den ganzen Tag meinen Bettel mitschleppen musste. Das war bei der Diakonie der Weißfrauenkirche in der Weserstrasse 5 im Bahnhofsviertel. Dort gab es auch Notschlafplätze, doch ich durfte diese nicht in Anspruch nehmen weil ich weder aus Hessen noch aus Frankfurt kam, sondern aus Nordrhein Westfahlen.

Ich war gerade morgens dort zum duschen da sagte mir ein Mitarbeiter, dass ich am Samstag morgen punkt 9.30 Uhr da sein soll, da käme eine reiche Frau aus Bad Homburg, die ginge mit ein paar vernünftigen Männern Bekleidung in der Stadt kaufen. Das habe ich mir nicht zweimal sagen lassen. Ich hatte keine Ahnung wie das ablaufen sollte und noch weniger Ahnung wer diese Dame sein sollte. So lies ich einfach auf mich zukommen.

Nun zu dem besagten Samstag mit Einkaufen :

Pünktlich war ich in der Weser Str. Dann kam ein Transporter mit zwei Sicherheitsbeamten und einer alten Dame. 5 Männer und eine Frau, ich mit eingeschlossen zwängten sich in den Transporter und wir fuhren auf die Zeil. An der Hauptwache wurden wir alle mitsamt der alten Dame herausgelassen und die Dame verabredete sich noch mit den beiden Sicherheitsbeamten. Es war eine komische Situation, denn ich kannte diese Dame nicht. Sie machte einen ganz normal sterblichen Eindruck, war auch ganz normal angezogen außer dass viel an der Bekleidung in blau gehalten war - so ging ich davon aus, dass diese Dame die Farbe blau mag.

Zuerst gingen wir zusammen ins Woolworth wo wir uns allen für einen Betrag (möchte ich jetzt nicht preisgeben) etwas zum anziehen holen sollten. Was war egal, es musste uns selbst passen und nur Oberklamotten ( Unterwäsche gab es in der Weser Str. immer neu für Männer )

Am Anfang gab es gleich Stress, die Dame die dabei war wollte alles möglich kaufen, keine Klamotten sondern Handtasche, Schmuck und Ohrringe. Das war der alten Dame dann einfach zu blöd. Nach hin und hergezackere schickte sie die Dame fort und sie bekam gar nichts. Die Dame hat sich dann entfernt und sofort ist Ruhe in der gesamten Gruppe eingetreten. In einer halben Stunde sollten wir uns mit unseren Klamotten im Kassenbereich treffen. Ich wusste immer noch nicht, wer diese Dame war. Nun war es schon September und nicht mehr so warm, ich hatte kein warmes Bett, sondern nächtigte unter der Brücke und manchmal auf dem alten jüdischen Friedhof. Meine paar Habseligkeiten hatte ich im Schließfach eingeschlossen. So suchte ich mir zuerst eine etwas wärmere Jacke heraus, für später wenn ich eine Wohnung habe und eine Jeans Hose, dazu kaufte ich mir einen Pullover und zwei Langarm T-Shirt, sowie ein paar gute Turnschuhe. Alle Klamotten kamen dann ins Schließfach für meine besseren Zeiten. Ich hatte mich so darüber gefreut und war glücklich und weis nicht, wie oft ich mich bei der Dame bedankt habe.

Als sie alles mit Karte bezahlt hatte, lädt sie uns noch zu einer Currywurst mit Pommes und einer Cola ein auf der Zeil in so einem kleinen Imbiss. Sie selbst aß auch eine Currywurst mit Pommes und trank eine Cola. Bei dieser Situation unterhielt sie sich mit uns. Beim verabschieden sagte sie zu mir, nachdem ich mich nochmals bedankte "Daniel, Sie schaffen das aus Ihrer Situation wieder herauszufinden, davon bin ich überzeugt" ich antwortete dann etwas kleinlaut "das denke ich auch und bin überzeugt dass ich es schaffe - so Gott will begegnen wir uns mal wieder und ich kann es Ihnen beweisen. Dann bin ich gegangen. Brachte meine "Beute" ins Schließfach und ging gut gelaunt meinen Weg wie immer um die Mittagszeit raus zum Ostend in die Hagenstrasse für 1 Euro Mittagessen. Über den Einkauf mit der Dame habe ich bei niemandem etwas gesagt.

Da ich ja bemüht war, einen Job und Unterkunft zu bekommen, war dieser Tag wirklich ein Glückstag für mich, denn in der Hagenstrasse suchten sie eine Hilskraft für die Wintermonate für den Nachtdienst. Der Chef war auch zufälligerweise gerade dort und ich sprach bei ihm vor. Hatte ja den riesigen Vorteil, dass ich in Aachen Obdachlosenbetreuung gemacht habe mit den Aachener Franziskaner Nonnen.

Ich bekam sofort meinen Arbeitsvertrag auf 480,00 Euro monatlich. Musste die zwei Wochen allerdings nutzen mir eine Bleibe zu suchen wo ich schlafen und mich anmelden konnte. Das war eine große Herausforderung für mich kleinen Mann in der Stadt Frankfurt.

Nachdem ich bei einer anderen Wohnsitzlosenberatung in Frankfurt Sachsenhausen vorgesprochen hatte, bei LAZARUS am Affentor von der Diakonie halfen mir diese. Sie sorgten dafür, dass ich ein Zimmer im Howard Philipps Haus bekam. Normalerweise ist das eine Einrichtung die EX Häftlingen helfen sollte auf dem geraden Weg zu bleiben. Jetzt war ich aber nicht im Knast gewesen, sondern bangte mit meiner Obdachlosigkeit um einen Job der mir den Boden in Frankfurt ebnen konnte. Jetzt trank ich dazu auch kein Alkohol deswegen machten sie eine Ausnahme da der Ostpark nun wirklich nichts gewesen wäre für mich, mit den Alkoholiker und Junkies zusammen einen 4 Bett Container zu bewohnen.

Also nahm ich das Howard Philipps Haus an und unterschrieb. Meine Arbeitslosenhilfe ging komplett zu diesem Verein und ich bekam jede Woche mein Taschengeld zum Essen einkaufen und Taschengeld, der Rest floss in die Unterbringungskasse. Von meinem Nebenjob sagte ich in der Verwaltung nichts, denn ich arbeitete ja nachts von 21.00 Uhr bis 8.00 Uhr morgens, dann wären 75% von den 480,00 Euro auch direkt zum Verein geflossen - es waren ja auch nur 3 Nächte in der Woche.

Über meinen Nachtdienstjob lernte ich den Chef von der Frankfurter Tafel kennen, so konnte ich ehrenamtlich einen Fuß in die Frankfurter Tafel setzen. Dabei ging es langsam aufwärts, ganz schnell war ich für die Tafel eine zuverlässige Kraft, fuhr viele Jahre fast jeden Tag mit zu Ausgaben, Einrichtungen und Spendern und lernt so auch ganz schnell Leute kennen, bis ich langsam so gefestigt war, dass ich an meinem Beruf wieder anknüpfen konnte. Inzwischen hatte ich auch ein Appartement in der Ludwigstrasse im Bahnhofsviertel gefunden - im Howard Philipps Haus war ich nur drei Monate, denn dort konnte ich mir nichts sparen. 

Über die Tafel konnte ich auch viele Senioren im Alltenheim glücklich machen, mal mit etwas Süssem oder mal gut riechendem Wässerchen für Mann und Frau, manchmal nahm ich auch diverses Obst mit, wenn besonders viel da war und machte mit einigen Bewohnern Obstsalat, manchmal kochte ich mit ihnen Marmelade oder machte mit ihnen auch mal Handkäse mit Musik was oft zu Beschwerden vom Personal führte weil die Bewohner ind Bett gesch.... haben. Mir war das egal, denn meine Bewohner waren glücklich. Ich hatte inzwischen 6 Leute übers Gericht zum betreuen. So habe ich mir sehr viel Respekt verschafft, auch bei Bettina Bethmann von der Bethmann Bank die wiederum ehrenamtlich viel bei LAZARUS gemacht hat. So kam ich in Zusammenarbeit mit dem Chef von der Tafel und Bettina Bethmann regelmäßig an Gutscheine, für diese Gutscheine konnte ich für meine Senioren in Betreuung einkaufen, mit Sondergenehmigung konnte ich damit auch Tabak oder Kaffee kaufen, meistens waren es aber Hygieneartikel u.ä. 

Durch meine Tafeltouren fuhr ich auch oft mit in den Taunus. Bei so einer Fahrt nach Friedrichsdorf wo ich schon so oft war, traute ich bei Petra Schlegelmilch meinen Augen nicht. Sie hatte Besuch genau von der Dame, die mit mir vor Jahren Klamotten gekauft hatte. Inzwischen wusste ich dass es die Frau Johanna Quandt war. Ich war so gerührt, dass ich sie einfach in den Arm nehmen musste und sie einfach liebdrücken musste. So konnte ich ihr jetzt in diesem Moment doch beweisen, dass sie recht gehabt hatte damals dass ich es schaffen würde meinen Weg zu gehen.

Frau Schlegelmilch war das alles andere als angenehm. Ich hatte damals das Gefühl dass Frau Quandt das Allerheiligtum von Frau Schlegelmilch war und unantastbar für alle ausser ihr (Fr. Schlegelmilch). Sie wurde garstig kalt ab diesem Zeitpunkt.

Ich hatte mich länger mit Frau Quandt unterhalten was ich jetzt mache und wie mein Weg war, denn inzwischen hatte ich ja schon eine Festanstellung in der Pflege (häuslich Pflege im Riederwald) und Tafel machte ich zu diesem Zeitpunkt nur noch Samstag, jeden Samstag regelmäßig.

Frau Quandt fühlte sich sichtlich wohl bei meinem geschilderten Werdegang, sie bat mich ihr meine Kontonummer mitzuteilen. So überwies sie mir für über ein Jahr jeden Monat einen Obolus wenn ich was für meine Bewohner die ich betreute brauchte. Ich musste ihr allerdings versprechen darüber Buch zu führen und alle drei Monate nachzuweisen, für wen ich was eingekauft habe bzw. zurücklegte. 2010 bat ich persönlich in einem Schreiben an Frau Quandt um die Einstellungen der Zahlungen, da ich keine gerichtlichen Betreuungen im Heim mehr machte, sondern nur noch private häusliche Palliativpflege im Riederwald. Sie meldete sich telefonisch bei mir und bedankte sich für meine Ehrlichkeit. Überwies mir dann nochmals einen Betrag für mich persönlich um mir etwas davon anzuschaffen woran ich Spaß hatte. Ich bezahlte dann von diesem Geld meinen Flug nach Nizza und wieder zurück und hatte mein Taschengeld für die 14 Tage wo ich dort verweilte. Es war für mich ein Urlaub nach über 10 Jahren ackern ohne Urlaub. Ich war dort nach Nizza eingeladen worden von einem Arztehepaar, ich hatte zu der Zeit noch den Mann, der frühere Leiter der Psychiatrie der Uniklinik Frankfurt der blind war betreut mit Spaziergängen etc.

So, jetzt haben Sie oder Du in einigen Sätzen erleben dürfen wie ich Frau Johanna Quandt in zwei völlig verschiedenen Lebensweisen schätzen und kennen gelernt habe.

Am 3. August 2015 ist sie leider in Bad Homburg verstorben. Zu dieser Zeit wohnte ich schon im Schwarzwald bei Monika und hörte die Todesnachricht dort am Radio.

Genauso zurückgezogen wie sie lebte, so ist sie auch verstorben.

Frau Quandt treffen und kennenlernen zu dürfen war für mich persönlich eines meiner schönsten Erlebnisse.

 

Daniel-Thomas Müller